Hiob und seine Trauma-Botschaft

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Der Name Hiob steht für einen durch Trauma – Prozesse geprägten Menschen, aber auch für die finale Reifung des Menschen auf seinem steinigen Lebensweg. Hiobs Geschichte ist die Geschichte von einer frühen Auseinandersetzung mit Gott. Ja, ich gehe soweit, zu behaupten, dass Gott hier sein Verhältnis zur Spezies Mensch prüft und dabei quasi ausprobiert, was „machbar“ ist.

Ist das fair? Der Schöpfer schließt eine Art Wette mit seinem großen Gegenspieler ab. Und Hiob, das – Entschuldigung – arme Schwein, ist das Opfer. Wie kann Gott so etwas tun? Wollte er schlicht einmal zeigen, wer „Herr im Hause“ ist? Ich meine, nein. Als Christ könnte man sich natürlich selbstgefällig vom gütigen Gott des Neuen Testaments trösten lassen. Und den grantigen und rachsüchtigen Herrn im Alten Testament lassen. Aber solche Sichtweise ist zu eng. Vielmehr prüft Gott mit Hiob die Widerstandskraft der menschlichen Seele. Modern gesprochen führt er eine Art Resilienz-Test mit Hiob durch. Resilienz ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das Menschen vor den negativen Folgen schwerer Belastungen schützt.

Und Hiob? Er zerbricht unter der Last. Ihm wird zuviel zugemutet. Er leidet. Und er fragt: Warum ich? Man muss die Erzähltraditionen der östlichen Mittelmeer-Gebiete und des Orients bei einer Bewertung dieser Geschichte im Auge behalten. Diese Erzählungen kennen keine Kausalität und Ausschließlichkeit in unserem Sinn. Die Möglichkeiten des Menschen werden nicht auf ein Entweder-Oder reduziert. Und nicht jede Wirkung muss eine Ursache haben. Märchen des Vorderen Orients – und Hiobs Geschichte ist ein Märchen – kennen Zwischentöne. Zwischen Tag und Nacht gibt es Dämmerung. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es Farben. Und Dinge geschehen synchron, ohne dass es „Gründe“ gibt. Und was die Märchen in dieser Erzähltradition sind, das sind die Klagelieder in der Trauertradition.

Klagelieder sind höchst individuell, sie verkürzen die Trauer nicht auf eine gemeinhin verständliche Formel. Die abendländische Sichtweise hingegen versucht, Symptome in Komplexe zu fassen, die dann für eine spezielle Gruppe Gültigkeit haben. Im Bereich der Medizin sind dies die Syndrome und bezogen auf die Psychotraumatologie ist es die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Und ja, Hiob lässt sich auch so klassifizieren. Seine wohl mehr als 2500 Jahre alte Geschichte enthält fast alle Kernelemente menschlicher Traumatisierung mit der Folge einer PTBS-Ausbildung.

Kirchliche und später säkularisierte Interessen haben die Bedeutung der Hiobs-Botschaft immer wieder verändert. Die Kirche war natürlich daran interessiert, Gott nicht zu schlecht dastehen zu lassen. Er ist schließlich kein Wettbruder, der leichtfertig das Leben seines Schützlings ruiniert. Auch das 19. Jahrhundert machte literarisch Hiob eher zu einem Erdulder. Demut und Geduld als humanistische Tugenden schlugen so in eine ähnliche Bresche. Fakt ist jedoch: Hiob ist stinksauer. Und er rebelliert gegen Gott. Sein und Gottes Verständnis von Gerechtigkeit liegen zu weit auseinander. Er fühlt sich ungerecht behandelt und ruft aus: Warum ich? Gottes Gerechtigkeit hingegen ist eine andere. Er bestimmt, was „richtig“ (= recht) ist. Er gibt die Linie vor und fordert Treue. Auch im Leiden.

Dabei ist sicherlich zu beachten, dass sich eine Gott-Mensch-Erzählung, die mindestens zweieinhalb Jahrtausende alt ist, auch an den Vorstellungen jener Zeit orientiert. Das griechische Pantheon ist voll von hinterlistigen, randalierenden und eifersüchtigen Gottheiten. Sie machten sich teils einen Spaß daraus, Menschen bestimmten Prüfungen auszusetzen. Vor diesem Hintergrund mag man Hiobs Geschichte auch als ein frühes Ausloten der monotheistischen Beziehung sehen. Wieviel kann Gott den Menschen zumuten, die an ihn glauben? Und Hiob ist hier heldenhafter – und tragischer – Vorreiter. Er ist Rebell. Er will sich nicht alles bieten lassen, auch wenn er erkennbar schwächer ist.

Ich halte Hiobs Geschichte für einen unverstellten Zugang zum Thema Trauma. Auch der einfachste Mensch (oder gerade dieser?) konnte mit Hiob fühlen. Die Menschen jener Zeit kannten Verluste und Schmerz zur Genüge. Sie spiegelten sich in Hiob, verstanden ihn. Und fühlten sich selbst verstanden. Der Mensch darf zornig sein und toben. Er darf sich abwenden und zweifeln. Er darf Angst haben und mit sich und seinem Gott hadern. Aber dieser klare Zugang wurde durch die erwähnte Uminterpretation gründlich verbaut. Der „gute“ Hiob ist der ertragende und duldende Hiob. Der traumatisierte Hiob (mit seinen Klagen) jedoch ist der kranke (PTBS-) Hiob.

Im übertragenen Sinn sehen wir heutzutage (auch und gerade Kriegsenkel betrifft dies) fast eine Art moderner Pflicht, sich des Traumas und seiner Folgen zu entledigen. Entweder überwinden wir es durch persönliche „Stärke“ oder mit therapeutischer Hilfe. Wenn dies nicht gelingt, dann fällt das schnell auf die Betroffenen zurück. War es ein Versagen? Persönliche Schwäche? Gerade die Versprechen einer Industrie, die mit ihren Medikamenten ein sauberes „Herausoperieren“ des Traumas aus der Psyche suggeriert, sind hier verwerflich zu nennen.

Menschen, die in einer vom Machbarkeitsgedanken bestimmten Welt groß geworden sind, können oft den Trauma-Prozess als Trauer-Prozess nur schwer zulassen. Und damit meine ich gerade NICHT, dass der traumatisierte Mensch erdulden und ertragen soll. Nein, er soll seine Gefühle voll annehmen. Wir müssen den Schmerz durchleben, die Wut, die Angst. Nur so können wir die Trauer erfolgreich abschließen. Es ist okay, sich in ein Gefühl des Haderns, der Hilflosigkeit und der Resignation hineinfallen zu lassen. Gerade die Abwehr dessen wird uns sonst erst recht in dieses tiefe Loch fallen lassen. Und es ist auch okay, gleichzeitig an eine Überwindung des Traumas zu glauben.

Ich plädiere also dafür, das Trauma nicht als Krankheit zu werten, sondern als Normalität menschlichen Daseins. Hiob erlebt, dass ihn seine Mitmenschen nicht verstehen. Wir werden zwar auch in Zukunft Traumatisierungen nicht vermeiden können. Aber wir können daran arbeiten, die Opfer zu verstehen, ihnen zuzuhören und Raum zu geben für ihre Klagelieder. Morbus Hiob, die Krankheit Trauma, gibt es nicht. Es gibt nur den krankhaften Umgang mit unseren menschlichen Gefühlen.

Wer mag, kann das Buch Hiob (in der Einheitsübersetzung) hier online kostenlos lesen.

Autor: JMW

Ich bin seit mehr als 20 Jahren als Arzt tätig. Meine Schwerpunkte liegen dabei im naturheilkundlichen Bereich. Bereits während des Studiums kam ich mit dem Thema "Trauma-Vererbung" in Kontakt. Narrative Therapie, Elemente der Chinesischen Medizin und EMDR bilden die Basis meiner Trauma-Arbeit. Im Februar 2017 wird ein Buch von mir zu diesem Thema erscheinen.

2 Gedanken zu „Hiob und seine Trauma-Botschaft“

  1. Danke, für mich war der Hiob Text in schweren Zeiten ein ungemeiner Trost. Gerade auch wie seine „Freunde“ auf ihn einreden: wenn es dir so schlecht geht, musst du etwas falsch gemacht haben. Diese Dynamik in der Bibel beschrieben zu sehen, war und ist Trost.

    1. Alle modernen Themen sind in der Bibel bereits abgebildet. Eben dies ist es: Unsere BILDER werden uns oft zum Verhängnis. Ein ewiges Müssen, Sollen, Können, Dürfen… Auch für mich sind die Geschichten des AT und die Gleichnisse des NT immer wieder tröstlich. Wichtig scheint mir dabei eine wiederkehrende Botschaft: Die Lösung ist uns im Inneren bereits vorgegeben. Sie kommt nicht von außen. Es ist dieses große Wort mit L.

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