Ärzte im Dritten Reich

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Wie Ärzte im Dritten Reich unser Urvertrauen zerstörten

Eigentlich wollte ich nur ein wenig im Netz stöbern, als ich dann doch – wie so oft – wieder zu „meinem“ Kriegsenkel- und Trauma-Thema fand, diesmal auf Umwegen. Und in Form der Rolle der Ärzte im Dritten Reich. Nun gehöre ich ja, wie manche wissen, auch diesem Berufsstand an. Und gerade deshalb stehe ich in der Verantwortung, mich mit der Funktion der Ärzteschaft während der Nazi-Herrschaft intensiv auseinander zu setzen.

Wie gesagt, hatte ich etwas ganz anderes vor. Ich fand nämlich einen interessanten Artikel von 1952 aus der „ZEIT“. Dort wurde über den Vortrag eines Hamburger Psychiaters berichtet, der damals offenbar auf reges Interesse stieß. Prof. Friedrich Mauz hatte offenbar zum Thema Psychosomatik vor Laien und Patienten referiert. Dabei klang das, was er zu sagen hatte, fast revolutionär. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich in der Medizin ein Denken etabliert, dass die strikte Trennung von Körperlichem und Seelischen voraussetzte. Krankheit war gleichzusetzen mit Zell-Krankheit, sie war „stofflich“, greifbar, sichtbar. Seelische Störungen schienen hingegen unfassbar. So fand sich in aufgeklärter Zeit eine unheimliche Fortsetzung der Stigmatisierung von seelischen Erkrankungen, wie wir sie sonst eher im „finsteren Mittelalter“ vermuten würden. Psychisch kranke Menschen waren „geisteskrank“ oder gar „Psychopathen“. Sie wurden ausgegrenzt und als gefährlich eingestuft.

Ein neuer Ansatz?

Nun sprach jener Arzt, Prof. Dr. Mauz, von der Möglichkeit, dass der Körper erkranken könne, wenn die Seele überlastet sei. Ein fast sensationelles Denken keine sieben Jahre nach dem Krieg! Es ist die Grundidee der Psychosomatik. Und Mauz ging offenbar noch weiter. Seiner Ansicht nach hatte die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zu einer „Wortlosigkeit“ der Seele geführt. Die Schrecknisse waren nicht in Worte zu fassen, somit nicht ausdrückbar. Auch dieses ein revolutionärer Denkansatz, denn der „Speechless terror“ (der sprachlose Schrecken) scheint zentral ursächlich für die (seelische) Traumatisierung. All dies sind Erkenntnisse, die zum Teil erst in den 1970er Jahren (dann aus dem Amerikanischen) bei uns in Deutschland bekannt und akzeptiert wurden.

Der dunkle Schatten

Ich war elektrisiert von diesem Artikel. 1952 war letztlich also schon bekannt, was das Nazi-Regime und der Krieg innerseelisch angerichtet hatte. Und es geriet offenbar wieder in Vergessenheit.

Ich habe zu Prof. Mauz recherchiert. Ganz ohne Hintergedanken, weil mich sein Denkansatz interessierte. Und ich traf auch hier auf die Schatten, die über unserer Geschichte liegen. Viele Ärzte im Dritten Reich haben sich schuldig gemacht an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Sie waren oftmals nicht nur Mitläufer und Handlanger. Viele Kollegen waren damals Nazis, Täter, Schuldige. Da gibt es nichts zu beschönigen. Friedrich Robert Mauz (1900 – 1979) war „zur Zeit des Nationalsozialismus T4-Gutachter“ (Zitat), so steht es im ersten Satz des Wikipedia-Eintrags zu seiner Person.

T4. Ein Euphemismus. Ein kleines Kürzel, hinter dem sich das Grauen der Euthanasie verbirgt. Euthanasie („schöner, leichter Tod“). Wieder ein Euphemismus. In der Tiergartenstraße 4 („T4“) in Berlin war die Zentrale Dienststelle für das Vernichtungsprogramm des NS-Regimes in Fragen der sogenannten Eugenik untergebracht. Von dort wurde der Tod von mehr als 70.000 Menschen koordiniert, die aus „rassehygienischen Gründen“ als unwert galten.

Helfen und Vernichten

Der Schaden, den dieses (un-)ärztliche Verhalten im Urvertrauen bei uns Europäern angerichtet hat, kann meines Erachtens gar nicht überschätzt werden. Ärzte im Dritten Reich – das sind Ärzte, die das Vertrauen auf Hilfe zutiefst erschüttert haben. Wenn Ärzte Teil einer Vernichtungsmaschinerie werden, dann verlieren sie ihre ethische Glaubwürdigkeit. Helfen und Vernichten, das geht nicht zusammen. Dieser Widerspruch zerreisst alles, was Mensch-Sein ausmacht. Viele Ärzte im Dritten Reich glaubten, klar unterscheiden zu können zwischen „unwertem“, zu vernichtendem Leben und der „gesunden, arischen“ Volksgesundheit.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Verwerflichkeit dieses Denkens hat sich wie ein Menetekel gegen die Verursacher selbst, die „Herrenmenschen“, die Täter gewandt. Insbesondere uns Deutschen wurde ein Boden weggezogen, eben jene innere Gewissheit, dass der Mensch IMMER ein Recht hat, zu sein. Und unter dieser Grundunsicherheit („Darf ich sein, wie ich bin?“) leiden heute viele Kriegsenkel!

Friedrich Mauz hat seine Geschichte nach dem Krieg neu erfunden. Er gab vor, bei der Euthanasie versucht zu haben, das ihm Mögliche zu leisten, das Schrecklichste zu verhindern. Viel später stellte sich heraus, dass dies nicht stimmte. Er war Teil des Vernichtungsapparats, er hat sich dem T4-Programm angedient, um doch noch Karriere zu machen (die ins Stocken geraten war). Die Bundesrepublik machte es später den Tätern in den 1950ern und 1960ern leicht. Auch Ärzte-Täter mussten oftmals nur Geschichten erfinden und kamen straffrei davon. So auch Mauz.

Der Bann

Die Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) ließ Nachforschungen über ihr Ehrenmitglied (!) Mauz anstellen. Im Jahre 2011 wurde ihm posthum die Ehrenmitgliedschaft aberkannt. Hilft dies den Toten, den Entrechteten, den Entwürdigten? Wie leben wir mit der Kenntnis dieser Taten, die – immer noch – kaum öffentliche Würdigung erfahren? Wie leben wir mit der Tatsache, dass die Täter-Ärzte im Dritten Reich angesehene Bürger waren und es im Nachkriegsdeutschland (in beiden Staaten!) meist blieben? Die Antwort lautet: Wir werden noch lange mit den Folgen leben müssen.

Ärzte haben ihren Vertrauensbonus verspielt. Sie sind in der emotionalen Wahrnehmung keine Heiler mehr. Keine Schamanen, keine Halbgötter in Weiß. Auf den ersten Blick mag dies ja durchaus wünschenswert sein. Aber diese Entwicklung brachte wieder ein Stück Verunsicherung in unser Leben. In unserer selbstbestimmten Welt verlassen wir uns nicht mehr auf Ärzte. Wir vertrauen ihnen nicht mehr. Täter und ihre Taten hinterlassen tiefe Spuren in der „Gemeinschaftsseele“, in der kollektiven Wahrnehmung. Auch hier leben wir Kriegsenkel*innen mit den Schatten der Vergangenheit. Die nicht ausgeheilten „Eiterbeulen“ in unseren Seelen brechen wieder auf. Gerade in der jetzigen Zeit einer globalen Verunsicherung. Was können wir tun? Verdrängen und verleugnen? Neu-brauner Brut und geifernden Demagogen nachlaufen? Nein. Mensch-Sein kann an dieser Stelle nur durch ein klares Bekenntnis gewahrt bleiben. Und dies lautet: NIE WIEDER!

Autor: JMW

Ich bin seit mehr als 20 Jahren als Arzt tätig. Meine Schwerpunkte liegen dabei im naturheilkundlichen Bereich. Bereits während des Studiums kam ich mit dem Thema "Trauma-Vererbung" in Kontakt. Narrative Therapie, Elemente der Chinesischen Medizin und EMDR bilden die Basis meiner Trauma-Arbeit. Im Februar 2017 wird ein Buch von mir zu diesem Thema erscheinen.

2 Gedanken zu „Ärzte im Dritten Reich“

  1. Hallo Michael, ich bin beim Lesen dieses Beitrags erneut in Rage und Bestürzung geraten. Der Zeit –
    Artikel den du erwähntest, dieser widerliche Versuch von Mauz sich der Psychosomatik anzuwanzen…diese unerträglichen Lügen …mit denen diese Verbrecher durchgekommen sind.
    Ich verlasse gerade die Arbeitsebene auf der ich eigentlich diese Thematik( für mein Buch) recherchiere.Dieser Typ war 1953 Ordinarius und Direktor der Universitätsnervenklinik Münster.Ich kenne seinen Namen längst…wie so viele andere.Es tut immer wieder so fürchterlich weh…!!
    1956 war er im ärztlichen Sachverständigenbeirat des Bundesarbeitsministeriums bis 1979, für Fragen der Kriegsopferversorgung .Ebenfalls 1956 starb ( endlich) meine Tante im Alter von nur 16 Jahren an den Folgen medizinischer Versuche im Rahmen des Euthanasieprogramms. Ich stamme ursprünglich auch aus Münster und bin tief in diese unerträgliche Geschichte eingetaucht um mein Leben als Kriegsenkelin bewältigen zu können. War in der Psychiatrie in der meine Tante eingesperrt und umgebracht wurde. Die Akteneinsicht hierzu, nur schwer zu bekommen….Die Zuständigen des LWL haben gemauert, schön geredet…etc.Selbst der Friedhofs-verwalter der für das Grab meiner Tante zuständig war, benahm sich heute im Jahre 2016/ 2017 noch merkwürdig zugeknöpft…es ist noch ein sehr langer Weg dies alles zu begreifen…es braucht soviel Kraft es auszuhalten…Trotzdem gut, dass durch diesen Zeitartikel ein weiteres Mal
    deutlich wird wie verflochten und verstrickt bis heute , „hochrangige“ Politiker, Ärzte
    aber auch Unternehmen und Firmen, in die Greultaten ihrer Zeit, verwoben sind. Es ist kaum zu ertragen. Vor allem deshalb, weil dieses menschenverachtende, krankmachende System in großen Teilen weiter Bestand hat. Man(n) Frau muss nur genau hinsehen. Manchmal weiß ich nicht ob ich es “ schaffe“ in mein Leben zu kommen.Wirklich ich zu sein. Herzliche Grüße Gudrun

    1. Liebe Gudrun,
      es ist erschütternd, was du da berichtest. Und es ist wichtig, dass du diese Geschichte (ansatzweise) offenlegst. Ich erlebe nämlich oft, dass ich gefragt werde, „ob das noch aktuell“ sei. JA !!! Es ist. Gerade die Geschichten einzelner Menschen können vor dem Vergessen bewahrt werden. Und somit vor dem (allgemeinen) Vergessen bewahren. Sonst versinkt das ehemalige Grauen im wohligen und bequemen Konsens des Verdrängens und Verleugnens. Gerade das Individuum (mit Namen!) hinter dem Apparat (Täter wie Opfer) hebt den Schleier der Anonymität. Ich verstehe, dass du leidest und trauerst. Aber du bist auf einem (deinem!) Weg. Du schreibst die Lebensgeschichte deiner Tante weiter, gibst ihr quasi einen Sinn. Und da, genau da, bist du wirklich du. Diese Bestimmung kannst du annehmen oder ablehnen. Krank macht uns die Bewegungsunfähigkeit, die Starre in der (vermeintlich vorgegebenen) Identität. Also brauchen Opfer (und deren Nachkommen) Handlungsmacht. Geh deinen Weg, nimm deine Vorfahren mit, trauere. Aber lass die zerstörerische Wut und die Schuld da, wo sie hingehört: bei den Tätern.
      Liebe Grüße, JM

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