Empathie – vom Leiden und Fühlen

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Leiden wir durch Empathie?

Empathie ist ohne Zweifel sozial erwünscht. Kein noch so narzisstischer Egomane wird sich offen dazu bekennen, dass er/sie rücksichtslos und unbarmherzig „über Leichen geht“. Vielmehr gilt Empathie als eine soziale Schlüsselkompetenz, die Erfolg und Zufriedenheit im Leben (was immer dies sei) verspricht. Umso erstaunlicher ist es, dass es an einem wirklichen Konsens über Bedeutung und Definition fehlt. Nicht nur wissenschaftlich, auch in der Alltagspsychologie ist der Begriff Empathie in aller Munde, aber klar umrissene Inhalte finden sich oft nicht.

Ein aktuelles (entsetzliches und verstörendes) Beispiel: Eine Frau wurde in Hamburg überfallen, nachdem sie auf einen Hilferuf reagiert hatte. Der Täter hatte die Bereitschaft, einem in Not geratenen Mitmenschen zu helfen, in schockierender Weise ausgenutzt. Hat also ein Zuviel an Mitgefühl dieser Frau geschadet? Oder ist Empathie etwas, das wir berechnen, kalkulieren und zu unserem (auch bösen) Vorteil einsetzen können?

Kontroversen und Verwirrung

Ein weiteres Beispiel: Straftäter können häufig an Trainings teilnehmen, die ihre Empathie verbessern sollen. Der gesellschaftliche Zweck ist klar: Es wird angenommen, dass dadurch antisoziales Verhalten zukünftig abgebaut werden kann. Leider sind die Ergebnisse in Follow-up-Studien ernüchternd. Zwar ist Empathie tatsächlich erlernbar (was schon vorher bekannt war), aber viele Straftäter nutzen ihr neues Wissen, um sich vor allem bessere Bewertungen in Fragen der Hafterleichterung oder Strafverkürzung zu verschaffen. Die Rückfallgefahr hinsichtlich von Straftaten scheint dagegen unbeeinflusst.

Und um die Verwirrung komplett zu machen, titelt Psychologie Heute in der März-Ausgabe 2017: „Empathie – Wann Mitgefühl schadet“. Zusammenfassend lohnt die Lektüre dieses Artikels nicht, denn die Aussage bleibt verworren im wahrsten Wortsinn. Es fehlt eine klare Begriffsbestimmung jener Empathie-Anteile, über die in dem Artikel/Interview gesprochen wird. Das ist sehr ärgerlich, denn es hinterlässt – bezogen auf meine beiden oben genannten Beispiele – das ungute Gefühl, Mitgefühl sollte wohl doch besser „in Maßen“ und „berechnend“ eingesetzt werden. War die überfallene Frau wirklich zu empathisch? Würde darin nicht ein ungeheuerlicher Vorwurf stecken, der jede Aufforderung zur Zivilcourage ad absurdum führte? Kann uns Einfühlungsvermögen tatsächlich gefährlich werden? Weil es – zumindest in Teilen – erlernbar und manipulativ nutzbar ist?

Empathie ist kein Gefühl

Ich versuche hier, etwas Ordnung in die Sprachverwirrung zu bringen. Fest steht: Empathie ist selbst kein Gefühl. Sie stellt eine Art Reaktion auf die von uns wahrgenommen Gefühle dar. Hierfür sind (unter anderem) bestimmte Gehirnzellen in unserem Frontalhirn zuständig. Sie heißen „Spiegelneurone“. Diese Neurone spiegeln in uns die Empfindungen unserer Sozialpartner. Dabei erkennen wir deren Gefühle nicht nur, wir spüren sie direkt. Dieses System ist äußerst kompliziert aufgebaut, denn es gibt Menschen, die offenbar nur wenig spiegeln können. Für sie ist die Umwelt emotional dumpf, als bewegten sie sich durch Nebelschwaden. Und es gibt Menschen, die ihre eigenen Gefühle nur schlecht wahrnehmen und einordnen können. Sie werden von Körperreaktionen (z.B. Zusammenziehen im Bauchraum, Nackenschmerz, Ohrrauschen) überrascht, ohne zu bemerken, dass dahinter ein Gefühl (z.B. Angst) steht. In diesem Problemfeld verorten sich viele Kriegsenkel*innen. Jedoch gibt es hier bisher kaum Studien oder Forschungen.

Einfühlung – eine Frage des Charakters?

Unklar ist zudem, ob es sich bei der Empathie eher um eine Eigenschaft von Menschen oder um eine Fertigkeit handelt. Erstere wäre eher so etwas wie ein Charakteranteil, der in erheblichem Maße durch Vererbung mitbestimmt wäre. Letztere wäre ein sozialisierbarer – und somit Lernprozessen zugänglicher – Personanteil. Wer sich mit psychologischer und soziologischer Forschung befasst, wird bereits ahnen, wie die bisherige Einschätzung lautet: sowohl als auch. Manche Forscher nennen die Empathie als Charaktereigenschaft auch „authentische Empathie“. Der erlernbare Anteil gilt entsprechend als „instrumentelle oder funktionale Empathie“.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Mit-Leid und Mit-Gefühl (als Komponenten des Oberbegriffs Empathie) wohl nicht nur sprachlich-semantisch unterschiedliche Konstrukte sind. Denn sie werden in zwei unterschiedlichen Gehirnarealen verarbeitet. Mitleiden ist eine Art totales Ausgeliefert-Sein an die Signale der Spiegelneurone. Ein anderer Mensch leidet. Und wir leiden mit. Daraus kann sich ein Antrieb entwickeln, zu helfen. Aber es besteht auch die Gefahr schneller, emotionaler Erschöpfung. Gerade die Doppelfunktion als Helfer und Leidende forciert diese Entwicklung. Mitfühlen ist hingegen eine empathische Funktion, die die aktive Gestaltung ohne Erschöpfung ermöglicht. Die Helfer verfügen in diesem Fall über optimale Strategien der Selbstfürsorge und Grenzziehung, die ihre Ressourcen schützen.

Das Empathie-Modell

Zusammenfassend scheint gegenwärtig folgendes Empathie-Modell – auch für den Alltag – sinnvoll und in Diskussionen tauglich:

1. Empathie als Mitleid. Es handelt sich am ehesten um eine (Charakter-) Eigenschaft. Mitleid führt zu starken Gefühlen beim empathischen Menschen, aus denen sich Hilfsimpulse ableiten. Durch fehlende Abgrenzung und Opfer-Introjekte kommt sehr oft zu frühzeitiger Erschöpfung bis hin zu einem Burnout-Syndrom.

2. Empathie als Mitgefühl. Dieser Anteil kann ebenfalls als Eigenschaft gelten. Lernaspekte, vor allem in frühkindlicher Phase, spielen aber eine große Rolle. Barmherzigkeit ähnelt dem Konzept des Mitgefühls. Es scheint eine effektive Handlungskompetenz als Helfer bei gleichzeitigem Schutz der eigenen Ressourcen zu ermöglichen. Es kann somit als „optimale Empathie“ bezeichnet werden.

3. Empathie als Wissen. Es ist der eindeutig erlernbare Empathie-Anteil. Und hierfür müsste eigentlich ein eigener Begriff gefunden werden. Denn der kognitive Teil der Empathie ist gleichzeitig der manipulative, instrumentelle und funktionale Teil. Als solcher findet er Eingang in Werbung, Propaganda und andere Beeinflussungsmedien. Politiker und Journalisten sind die Berufsgruppen, denen bei der Nutzung der Wissens-Empathie die größte Verantwortung zukommt. Neuere Erkenntnisse lassen vermuten, dass es kaum Grenzen möglicher Manipulation der „Massen“ gibt. Hier sind Vorsicht und kritische Wachsamkeit angebracht. Im Zeitalter des Narzissmus begegnen wir auch zunehmend Menschen, die diese Form der Empathie wunderbar beherrschen. Da Empathie sozial erwünscht ist und als Schlüsselkompetenz gilt, ist es für Narzissten absolut naheliegend, dieses Feld für sich zu erobern.

Mitgefühl – Quo vadis?

Ich beobachte im Moment zwei Tendenzen im Umgang mit dem Phänomen der Empathie. Einerseits wird sie zu einer erlernbaren Kompetenz degradiert, die von den Schlüsselfiguren (daher auch Schlüsselkompetenz) in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft virtuos und mitunter schamlos genutzt wird. Andererseits wird die „echte“ Empathie in ersten Arbeiten offen als nutzlos oder gar schädlich diffamiert. Es mag sein, dass hier die angedeutete Ungenauigkeit im Sprachgebrauch eine Rolle spielt. Es kann aber auch sein, dass – wieder einmal – zum Zweck der Nutzenoptimierung an einer grundlegenden menschlichen Eigenschaft laboriert wird.

Autor: JMW

Ich bin seit mehr als 20 Jahren als Arzt tätig. Meine Schwerpunkte liegen dabei im naturheilkundlichen Bereich. Bereits während des Studiums kam ich mit dem Thema "Trauma-Vererbung" in Kontakt. Narrative Therapie, Elemente der Chinesischen Medizin und EMDR bilden die Basis meiner Trauma-Arbeit. Im Februar 2017 wird ein Buch von mir zu diesem Thema erscheinen.

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