Trauma und Depression

Trauma und Depression
Trauma und Depression treten oft gemeinsam auf

Über 4 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Depression. Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Für die Betroffenen bedeutet dies ein meist chronisches Leiden. Und für die Gesellschaft entstehen immense Kosten durch Medikamente, Psychotherapie und vorzeitige Berentung. Ein Aspekt, der oft bei der Betrachtung einer Depression außer acht gelassen wird, ist die Verbindung zu einem früheren Trauma. Gehen Trauma und Depression immer Hand in Hand? In meiner Praxis fallen viele transgenerational Traumatisierte zunächst allein durch ihre Depression bzw. deren Folgestörungen auf.


Wir wissen heute aus der neurowissenschaftlichen Forschung, dass Stress und Traumata bleibende Veränderungen im Gehirn auslösen können. Sie scheinen die unheilsame Symbiose von Trauma und Depression zu bahnen.

Trauma als Kind – depressiv als Erwachsene?

Insbesondere sogenannte „early life events“, also vor allem Traumata in Kindheit und Jugend, scheinen diese unheilvollen Auswirkungen zu haben. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: 1. Direkte Strukturveränderungen im Gehirn (z.B. im präfrontalen Cortex und im limbischen System) 2. Neurohormonelle Dysbalancen mit dauerhafter Veränderung von Rezeptordichten (und somit einer veränderten Reaktionsbereitschaft auf Reize) 3. Epigenetische Folgen (Modifikation von Erbgut-Einflüssen). Es ist also denkbar, dass starke Belastungen in der frühen Entwicklung später zu einer depressiven Störung führen.

Wie erkennen wir eine depressive Problematik?

Zunächst unterscheiden wir zwischen den Haupt- („Major“)Symptomen:
1. Gedrückte Stimmungslage
2. Interessenverlust und Freudlosigkeit
3. Müdigkeit und Erschöpfungsgefühl
Hierdurch wird auch die Stärke der Depression bestimmt:
ein Symptom = leichtgradig
zwei Symptome = mittelgradig
drei Symptome = schwergradig

Kritische Leser*innen können hier zu Recht einwenden, dass die Major-Symptome selbst etwas „schwammig“ formuliert sind. Wer freudlos ist, dürfte auch meist in der Stimmung niedergschlagen sein. Erschöpfung hemmt auch die Interessen usw. Außerdem ist auch die Gradeinteilung recht „einfach strukturiert“ und wird vielen Menschen in der Praxis nicht gerecht.
Zwar gibt es auch eine Vielzahl von Neben- („Minor“)Symptomen, aber diese machen es auch nicht einfacher oder besser. Wer diese Symptomlisten studiert, wird viele Parallelen zu akuten oder chronischen Trauma-Belastungen erkennen:
·1 Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
·2 vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
·3 Schuldgefühle und Gefühle von Minderwertigkeit
·4 Pessimismus, Grübelneigung, Angstsorge, Hoffnungslosigkeit
·5 Gefühl der Hilflosigkeit (vgl. Konzept der erlernten Hilflosigkeit)
·6 Suizidgedanken
·7 Schlafstörungen
·8 Appetitstörungen, verändertes Essverhalten

Trauma und Depression – mehr als Zufall

Auch körperliche Symptome können hinzu kommen, die in der Fachsprache als „psychosomatisch“ bezeichnet werden. Diese können die Patienten besonders verwirren und ängstigen und auch die Ärzte vor Herausforderungen stellen, da die Abgrenzungen zu „echten“ Körperstörungen oft schwierig ist:
Kopf- und/oder Rückenschmerzen (oft bis zur chronischen Schmerzerkrankung)
Infektanfälligkeit
unklare, unspezifische Unterbauchbeschwerden (gynäkologisch bzw. prostatisch)
Infektanfälligkeit
Libido-/Potenzstörungen
Herz/Kreislauf-Beschwerden (sehr vielfältig)
Magen/Darmsymptome (sehr vielfältig)

Spätestens bei Sichtung der Neben- und Körpersymptome wird klar, dass Zusammenhänge zwischen Trauma-Erleben und Ausbildung einer Depression bestehen. Denkbar ist, dass depressiv veranlagte Menschen eine verringerte Resilienz aufweisen. Sie könnten also empfänglicher für eine (transgenerationale) Traumatisierung sein. Umgekehrt können aber auch Trauma-Folgen Veränderungen im Gehirn hinterlassen, die eine später auftretende Depression begünstigen.
Dazu mehr im 2. Teil dieses Artikels.

Autor: JMW

Ich bin seit mehr als 20 Jahren als Arzt tätig. Meine Schwerpunkte liegen dabei im naturheilkundlichen Bereich. Bereits während des Studiums kam ich mit dem Thema "Trauma-Vererbung" in Kontakt. Narrative Therapie, Elemente der Chinesischen Medizin und EMDR bilden die Basis meiner Trauma-Arbeit. Im Februar 2017 wird ein Buch von mir zu diesem Thema erscheinen.

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