Der (hohe) Preis der Angst

Angst – Lebenselixier oder tödliches Gift?

Das Leben wäre doch schön ohne Ängste, oder? Aber wäre es tatsächlich noch Leben? Gehört dieses Gefühl vielleicht so untrennbar zu unserem Dasein wie unsere Körperorgane? Die Evolution wäre ohne die Theorie der Angst ein hohles, unhaltbares Konstrukt. Angst hat die Lebewesen dahin gebracht, wo sie heute sind. Auch den Homo sapiens (insapiens 😉 ). Sie kann schützen, vor Gefahren und Überforderung. In diesem Fall wirkt sie also lebenserhaltend. Aber viele Menschen sehnen sich nach „Ruhe und Frieden“. Dabei meinen sie oft eher die Angstfreiheit. Und schon sind wir beim nächsten Thema: Freiheit. Ängste machen Menschen unfrei. Durch sie werden wir zu reagierenden Sklaven der Notwendigkeiten. Und diese Empfindung belastet ungemein. Frei zu sein bedeutet, Handeln zu können. In Angst zu leben heißt, in permanentem Stress zu vegetieren. Was also sollen wir uns wünschen?

Ein Leben in Angst

Jeder zehnte Mann und jede fünfte Frau in Europa leiden unter Angststörungen. Wir verstehen darunter Angstausprägungen, die die Grenze zum Krankhaften überschreiten. Das Leben der Betroffenen wird quasi von Angstgefühlen bestimmt. Für diese Menschen schlägt die oben genannte Wirkung der Angst in ihr Gegenteil um: Sie wirkt nur noch lähmend und destruktiv. Dabei verlieren viele Angstpatienten auch den inneren Bezug zu sich. Fast scheint es, dass die Angstüberflutung, dieses allzu häufige Erleben des Gefühls, zu einer „Abnutzung“ ihrer positiven Funktion führt. Gerade Angstkranke überfordern sich oft. Ihnen mangelt es an Selbstempathie. Stattdessen verfallen sie in jammervolles Selbstmitleid. Ängste scheinen den inneren Seismographen zu stören, der uns signalisiert, wann emotionale Beben bevorstehen. Ich erlebe in der Praxis viele Klienten, die zwar „in ständiger Angst leben“, aber dennoch hochgradig selbstzerstörerisch mit sich umgehen.

Depression und Angst

Es gibt eine bedeutsame emotionale Nähe von Ängsten und Depressionen. Zwar unterscheiden die Psychologie und Medizin beide seelischen Störungen strikt, aber in der Praxis sind die Grenzen oft fließend. Viele Depressive berichten über Angstanteile. Viele Angstpatienten sind latent oder offen depressiv (oder werden es?). Es gibt im Stoffwechsel des Gehirn einige ähnliche Vorgänge bei beiden Störungen, aber auch Unterschiede. Eine große Rolle spielen – zum Teil unterbewusste – rationale und emotionale Bewertungen. Dabei gibt es eine Art „Archivar für Erinnerungen“ (Hippocampus) und ein „Alarmzentrum für Gefühle“ (Amygdala). Bei Depressionen spielt zudem der vordere Abschnitt des Gehirns (Präfrontaler Cortex) eine große Rolle bei der Entstehung der Gefühlsstörungen.

Trauma und Angst

Noch enger ist die Beziehung von Angst und Trauma. Das Trauma ist definitionsgemäß an ein Erleben von großer Gefahr, ja sogar Todesgefahr, geknüpft. Es rührt an den Grundfesten menschlicher Existenz und ist somit auch mit unerträglicher (Todes-)Angst verknüpft. Auch hier finden sich Parallelen in der Pathogenese. Bestimmte Abschnitte des Gehirns verändern sich biochemisch (und sogar strukturell!). Zudem handelt es sich um einen Circulus vitiosus: Angst traumatisiert. Und Traumatisierung triggert Ängste.

Angst und Alltag

Das Leben in unserer Postmoderne hätte eigentlich das Potential, den Menschen angstfreier zu machen. Eigentlich. Zwar muss kaum ein Bürger der Industrienationen ums nackte Überleben kämpfen, aber dennoch ist unser Leben alles andere als angstfrei. Die künstlich geschaffene, mediale „Weite unseres Bewusstseins“ nimmt uns die Kontrolle über die meisten Bereiche unseres Lebens. Hier schließt sich der Kreis zu meinen Worten vom Anfang. Viele Menschen fühlen sich fremdbestimmt, gelenkt, passiv. Sie reagieren nur noch. Und somit sind sie unfrei. Sie warten auf die nächste Terror-, Umwelt- oder Wirtschaftsnachricht, die ihre Angstspirale in Gang hält. Mehr noch. Ängste sind zu Instrumenten der Politik geworden. Angst verhindert das Denken. Ängste wollen betäubt werden. Und welche legale Droge ist wirksamer als der Konsum? Klingt wie Fletchers Visionen? Wie Kopp-Verlag und Verschwörungstheorie? Mag sein, aber darüber nachzudenken, lohnt allemal.

Trauma-Erben   &   Trauma-Folgen   &   Trauma-Auswege

Nichts mehr verpassen? Abo wählen !

Trauma und Depression

Trauma und Depression treten oft gemeinsam auf

Über 4 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Depression. Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Für die Betroffenen bedeutet dies ein meist chronisches Leiden. Und für die Gesellschaft entstehen immense Kosten durch Medikamente, Psychotherapie und vorzeitige Berentung. Ein Aspekt, der oft bei der Betrachtung einer Depression außer acht gelassen wird, ist die Verbindung zu einem früheren Trauma. Gehen Trauma und Depression immer Hand in Hand? In meiner Praxis fallen viele transgenerational Traumatisierte zunächst allein durch ihre Depression bzw. deren Folgestörungen auf.

„Trauma und Depression“ weiterlesen

Gibt Jesus Antworten auf unsere Traumata?

Jesus als Traumatherapeut

Christen in aller Welt feierten gestern Nacht das Hochfest der Auferstehung Jesu:

Karfreitag ging er ans Kreuz, um uns von der Sünde zu erlösen.

Und unsere Schuld ist uns durch seinen Tod vergeben.

Na, da finden sich schon gleich mehrere Begriffe, die den modernen, aufgeklärten, mit freiem Willen ausgestatteten Menschen aufhorchen lassen und wahrscheinlich sogar abschrecken: Erlösung. Sünde. Schuld. Vergebung.

„Gibt Jesus Antworten auf unsere Traumata?“ weiterlesen

Grenzen der Maßlosigkeit

Wo endet die Maßlosigkeit?

Wird Maßlosigkeit zum Lebensprinzip? Es stimmt schon nachdenklich, wenn wir Donald, Recep, Wladimir & Co. betrachten. Oder das schamlose Vorgehen vieler Großunternehmen. Aber nicht nur in Politik und Wirtschaft nimmt Maßlosigkeit zu. Auch die kleinen Rädchen unseres Berufs- und Privatlebens drehen sich immer schneller. Höher, weiter, größer. Nimmt es da Wunder, dass diejenigen, die uns „führen“, aus demselben Holz geschnitzt sind? Können wir uns gerade deshalb so trefflich echauffieren, wenn D.T. oder R.E. wieder mal aus der Rolle fallen? Trifft sie unser Hass, weil wir selbst die Wurzeln dieses Hasses in uns tragen? Sind diese Leute die personifizierten dunklen Schatten unseres Selbst? Wären wir nicht gern – um mit Nietzsche zu sprechen – auch so ein „Übermensch“? Ausgestattet mit Macht und Geld? Vermeintlich frei, zu tun und zu lassen, was wir wollen?

„Grenzen der Maßlosigkeit“ weiterlesen

Die Angst der Kriegsenkel – das schwere Erbe

Gibt es eine „Angst der Kriegsenkel“?

Die Angst ist mein ständiger Begleiter. Sie ist da, ganz real und spürbar. Aber sie ist für mich nicht greifbar. Sie bleibt unnahbar. Wie eine Stimme hinter einem Vorhang oder im Nebel.

Solche und ähnliche Äußerungen höre ich häufig von Kriegsenkelinnen. Diese Menschen im Alter zwischen 35 und 55 Jahren stehen mitten im Leben. Erwachsen, erfahren, in Krisen erprobt. Und oftmals dennoch tief verunsichert.

Ich will nicht als Verlierer dastehen. Erfolg bedeutet für mich Sicherheit. Dabei steigen die Ansprüche ständig. Sowohl die äußeren als auch meine eigenen. Das ist enorm anstrengend. Immer noch etwas weiter. Bloß keine Schwäche zeigen. Manchmal frage ich mich, wie lange das noch gut geht.

Überspitzt formuliert ist dies das männliche Äquivalent der Angst. Kriegsenkel treibt die Furcht vor Verlust und Misserfolg zu Höchstleistungen. Und wo diese Leistungen nicht erbracht werden (können), soll zumindest ein Bild oder Schein des Erfolgs gezeigt werden.

„Die Angst der Kriegsenkel – das schwere Erbe“ weiterlesen

Trauma und Fotografie

Was haben Trauma und Fotografie gemeinsam?

Trauma und Fotografie sind spätestens seit Ausreifung der technischen Möglichkeiten (hier vor allem durch kurze Belichtungszeiten) eng miteinander verwoben. Bereits aus dem Krimkrieg (1853-1856) liegen Bilder vor, die das Grauen der Schlachtfelder einfangen. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhundert ist eigentlich kein größeres (potentiell) traumatisches Ereignis mehr denkbar, ohne dass die Fotografie quasi dabei ist. Auch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust sind in Bildern festgehalten. Bilder wirken gegen das Vergessen, sie sind „da“. Und mit ihnen auch die Ereignisse, die sich in ihnen abbilden. Historiker sehen hier einen Grund, weshalb die Aufarbeitung jener Gräuel auch mehr als siebzig Jahre später nicht abgeschlossen sein kann.

„Trauma und Fotografie“ weiterlesen

Kleines Mädchen Wassermann

H. Wassermann zum Gedenken

Ich war heute in der Gedenkstätte „Kinder vom Bullenhuser Damm“ und dort kamen mir die Zeilen für ein „Kleines Mädchen Wassermann“ in den Sinn. Den Text findet ihr weiter unten. Für alle, die den Ort nicht kennen, hier ein paar Informationen:

Die Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg war Ende April 1945 zu einem Ort des Grauens geworden. Aus dem Konzentrationslager Neuengamme wurden 20 Kinder hierher gebracht, um sie zu töten. Der SS-Arzt Kurt Heißmeyer hatte Menschenversuche an ihnen durchgeführt, und nun sollten „die Spuren beseitigt“ werden.

„Kleines Mädchen Wassermann“ weiterlesen

Rilke-Trauma und der Torso Apollos

 Das Rilke-Trauma: Dichtung und Wahrheit

Das Psychogramm eines Verstorbenen entwerfen zu wollen, wird in den meisten Fällen misslingen. Zudem ist es höchst unfair schon im Ansatz, wird doch die/der Betreffende keine Einwände und Ergänzungen mehr machen können. Ganz abgesehen vom zweifelhaften „Wahrheitsgehalt“ eines solchen Anspruchs. Im Falle Rainer Maria Rilkes ist es auch schon oft versucht worden, ich werde mich hier auf Hinweise zu seinen traumatischen Erlebnissen beschränken:

„Rilke-Trauma und der Torso Apollos“ weiterlesen

Berichte von Zeitzeugen

Warum sind Berichte von Zeitzeugen wichtig?

Berichte von Zeitzeugen vermitteln recht authentisch Stimmungsbilder. Dabei ist für uns heute kaum entscheidbar, was wahr oder falsch ist. Geschichte entsteht für das Individuum im Entwurf der eigenen Geschichte. Fakten können – absichtlich oder unabsichtlich – vertauscht, ausgelassen und uminterpretiert werden. Letztlich können nur die Rahmenbedingungen auf ihre Glaubwürdigkeit hin geprüft werden. Man möge sich vorstellen, einen Zeitzeugen der Geschehnisse von 1933 bis 1945 zu befragen, ob er/sie „ein Nazi“ gewesen sei. Wir würden auf eine solche Frage schwerlich eine „historisch korrekte“ Antwort erhalten.

„Berichte von Zeitzeugen“ weiterlesen

Klopftechnik für Kriegsenkel

Macht Energie-Klopftechnik für Traumatisierte Sinn?

Ich möchte hier eine Selbsthilfe-Technik vorstellen, die oftmals erstaunliche Erfolge erzielt. Als Wegbereiter und „Erfinder“ gilt Gary Craig, der die Emotional Freedom Technique (EFT(R)) entwickelte. Viele Lebensberater, Coaches, aber auch Psychologen und Ärzte nutzen die EFT (oder eine andere Klopftechnik), um emotionale Blockaden zu lösen. Etwas Skepsis ist sicherlich angebracht, wenn von Berichten einer Heilung von Traumata innerhalb von 30 Minuten die Rede ist. Nach meiner Erfahrung (und der vieler Kolleg*Innen) ist eine Klopftechnik eine gute Ergänzung bei der Trauma-Arbeit. Im Gegensatz zum EMDR ist sie auch zur Selbsthilfe geeignet.

„Klopftechnik für Kriegsenkel“ weiterlesen